Zwölf Tage im Juli rund um den Vansee, in einer Ecke der Türkei, über die man wenig findet. 550 Kilometer, 11.000 Höhenmeter, 40 Kilo Rad – und eine Gastfreundschaft, die man schwer erklären kann, ohne dass es kitschig klingt.

Meine Eltern waren 1990 auf ihrer Hochzeitsreise mit dem Rad rund um den Vansee unterwegs. Ich wusste das seit Jahren, und irgendwann im Frühjahr saß ich vor dem Rechner und habe ohne großes Nachdenken einen Flug nach Van gebucht. Keine Route, kein Plan, nur das Gefühl, dass ich mir diese Ecke selbst anschauen will.
Eine Route hatte ich bis zum Stopover in Ankara nicht. Dort habe ich dann einen Track gefunden, den mal jemand gefahren war, irgendwo südlich von Tatvan. Damit stand fest, wie es losgeht.
Ein Karton, ein Bus und ein Zug, der auf einer Fähre steht
Nervös war ich vor allem wegen des Rads. Ob es heil ankommt, ob etwas fehlt. Es kam heil an. Ich habe am Flughafen von Van alles zusammengeschraubt, den Karton in der Gepäckaufbewahrung untergestellt und bin ziemlich glücklich in die Stadt gerollt.
Von Van wollte ich schnell nach Tatvan, ans andere Ende des Sees. Die Fähre fuhr an dem Tag nicht. Das Konstrukt dahinter ist trotzdem eine Erwähnung wert: Es gibt eine Bahnverbindung aus dem Iran, die in Van endet – auf der anderen Seite des Sees geht es in Tatvan weiter, und dazwischen werden die Güterwaggons auf eine Fähre verladen. Ich habe mich stattdessen zum Busbahnhof durchgefragt und bin mit dem Bus über die Nordseite.
Der Berg meiner Eltern
In Tatvan stand ich dann da: früh morgens gelandet, kurze Nacht, beladenes Rad, fremde Stadt. Mein erster Stopp in Ostanatolien war ausgerechnet ein Domino’s. Wasser aufgefüllt, kurz sortiert, los Richtung Nemrut – dem erloschenen Vulkan mit dem Kratersee, auf dem meine Eltern vor 36 Jahren standen.
Abends habe ich mein Zelt an einem Hang aufgebaut, ziemlich nah an der Straße, und mich gefragt, ob das jemanden stört. Es hat niemanden gestört. Am nächsten Morgen standen ein paar Schafe vor dem Zelt, dazu ein Schäfer, und – wichtig – keine Kangals.
Der Aufstieg zum Nemrut hat mir dann die kurioseste Episode der Tour beschert. Oben habe ich einen Türken kennengelernt, der mich mit einem Seil hinter seinem Wohnwagen hochziehen wollte. Wir haben es tatsächlich probiert. Es war ungefähr so gefährlich, wie es klingt, und nach ein paar Metern waren wir uns einig, dass ich lieber selbst trete. Oben bin ich noch ein Stück durch den Krater gefahren und auf der anderen Seite durch staubiges Gelände zurück, hinter zwei Motorradfahrern her, die eine völlig zerfallene Piste entlanggeheizt sind.
Zurück in Tatvan, letzte Vorräte, und dann raus auf die größere Straße Richtung Hizan.
Guten Morgen, hier ist mein Feld
Ich bin ziemlich bald links abgebogen und habe mir den erstbesten Platz auf einem Feld gesucht. Abends merkte ich, dass das Dorf näher liegt als gedacht – Taschenlampen liefen zwischen den Häusern hin und her. Zwei Kangals kamen vorbei, zum Glück ohne Herde, haben mich angeschaut und wieder in Ruhe gelassen.
Wach wurde ich am nächsten Morgen davon, dass ein älterer Herr durch die Zeltwand mit mir sprach. Ich war komplett verdattert und habe erst einmal gar nichts verstanden. Dann kam sein Sohn dazu, wir haben es per Google Translate versucht, und die Botschaft war schlicht: alles kein Problem. So lief das die ganze Reise.
Die Strecke nach Hizan zieht sich durch Schluchten, erst noch auf der Hauptstraße. An einem Kiosk direkt neben einem Barbershop hat mich jemand auf einen Tee eingeladen. Auffällig sind hier die Checkpoints – Militärpräsenz gehört in dieser Region zum Straßenbild. In Hizan habe ich zwei Dürüm gegessen, die Taschen aufgefüllt, und danach wurde es zum ersten Mal richtig einsam.
Wo der Asphalt aufhört
Hinter Hizan endet der Asphalt einfach. Was folgt, ist Schotter vom Feinsten: 36 Kilometer und rund 1.500 Höhenmeter am Stück, laut Karte. Nach fünf davon war für den Tag Schluss. Bei İncirli habe ich mein Zelt auf ein Feld gestellt, auf dem offensichtlich Heu gemacht wurde.
Wieder kam ein Mann vorbei, wieder dachte ich kurz, jetzt gibt es Ärger, und wieder war das Gegenteil der Fall: Er hat mich sofort zu sich eingeladen. An dem Abend hat es nicht mehr geklappt, aber am nächsten Morgen war er mit einem kleinen Mädchen auf dem Feld. Sie brachten Çay, wir haben Walnussbrot gebrochen und zusammen gefrühstückt, mitten auf der Wiese, neben meinem Zelt. Ich solle beim nächsten Mal unbedingt meine Freunde mitbringen, hat er mehrfach gesagt. Wir haben bis heute WhatsApp-Kontakt.


Çay-Zeit
Kurz darauf, in Kolludere, das Muster der ganzen Reise in Kurzform: Ich halte am Kiosk, kaufe mir eine Cola, und werde freundlich, aber bestimmt in den Laden gebeten. Es folgen Çay, selbstgemachter Ziegenkäse und Honig aus eigener Produktion. Der Besitzer hat mehrfach angeboten, dass ich bei ihm übernachte. Ich war an dem Tag nur einfach noch keine 15 Kilometer weit gekommen.
Verständigt habe ich mich fast durchgehend über Google Translate. Mit Internet funktioniert das erstaunlich gut: reinsprechen, auf Türkisch vorlesen lassen, umgekehrt genauso. Ohne Internet wird es zäh – das Sprachpaket hatte ich offline dabei, aber die Spracherkennung fällt dann weg, und plötzlich dauert jeder Satz eine Minute.

Der beste Zeltplatz meines Lebens
Ich habe dann praktisch den kompletten Tag an diesem einen Anstieg verbracht. Warm, aber fahrbar, mit einer Piste, die deutlich besser war als erwartet. Was mich immer wieder überrascht hat: wie weit oben es noch Internet gibt. In einem der letzten Dörfer habe ich nach Wasser gefragt, Wasser bekommen und nebenbei kurz Empfang gehabt.
Ganz oben, auf Höhe eines Schneefelds, mit dem Vansee weit unten im Dunst, war Schluss für den Tag. Trockenmahlzeit, Garmin inReach raus, kurz zu Hause Bescheid gegeben, Wetter abgerufen – in einem Gewitter wollte ich hier oben nicht liegen. Das war der schönste Platz, an dem ich je gezeltet habe, und ich habe ewig gebraucht, bis ich ins Zelt gegangen bin.


Am nächsten Morgen bin ich vor Sonnenaufgang raus. Danach kam eine Abfahrt nach Gevaş, für die sich der ganze Vortag gelohnt hat.

Acht Kilometer schieben
In Gevaş habe ich aufgefüllt und mich danach selbst zerlegt. 36 Grad, Mittagszeit, kein Baum, kein Strauch, kein Schatten – und ein Anstieg, der auf acht Kilometern fast 1.000 Höhenmeter macht. Gefahren bin ich davon ungefähr nichts. Ich habe geschoben, und das ziemlich langsam.
Oben war niemand mehr außer einem Schäfer, der mitten auf einem Hügel bei seinen Tieren saß. Sein Camp lag direkt am Weg, zwei Kangals haben mich sofort angebellt. Pfefferspray in die Hand, langsam vorbei, nichts passiert. An dem Tag war das noch die harmlose Variante.
Danach: lange Abfahrt, ein flaches Stück, und irgendwann die Asphaltstraße nach Çatak, die sich neben dem Fluss durch die Schlucht zieht. Ein Wasserfall am Straßenrand, warmes Abendlicht, endlich mal rollen lassen.

Çatak
In Çatak wollte ich unbedingt dort schlafen, wo es Internet gibt. Das hat nur halb geklappt, weil der Empfang nicht weit über den Ort hinausreicht. Ich habe bei Leuten gefragt, ob ich gegenüber auf einer Art Abraumhalde mein Zelt aufstellen darf. Ging klar.
Erst schauen die Leute skeptisch – nicht unfreundlich, eher ungläubig, dass jemand mit dem Rad aus Deutschland ausgerechnet hier auftaucht. Dann kamen die Kinder. Ich hatte deutsche Süßigkeiten dabei, wir haben uns per Google Translate und mit Händen und Füßen unterhalten, und später brachten sie mir Essen: Hähnchen, kurdische Kartoffeln in einer Paprika-Tomaten-Soße, Auberginen. Eines der besten Essen der Reise.
Später am Abend kamen noch ein paar Männer vorbei und rieten mir freundlich, aber nachdrücklich davon ab, dort zu schlafen – wegen Schlangen und Skorpionen. Ich bin trotzdem geblieben. Sie kamen ein zweites Mal wieder, und danach habe ich schlecht geschlafen. Nicht, weil etwas passiert wäre, sondern weil sich das Ganze zum ersten Mal auf dieser Reise nicht komplett entspannt angefühlt hat. Am nächsten Morgen war ich früh weg.
Der längste Anstieg meines Lebens
Was danach kam, war der Grund, warum man hierher fährt: 36 Kilometer, knapp 1.700 Höhenmeter, alles in einem Rutsch, auf Asphalt, entlang eines türkisblauen Bachs mit Wasserfällen, an denen anderswo Reisebusse stehen würden. Hier fährt man einfach vorbei.
Mir ging es an dem Tag trotzdem nicht gut. Der Magen machte Probleme, ich war überhitzt und langsam. In Sırmalı habe ich mit dem Dorfältesten gesprochen. Mein Plan war, noch hoch aufs Hochplateau zu fahren und dort zu übernachten. Davon haben mir alle abgeraten – Bären. Rückblickend war das die beste Ansage der ganzen Tour, weil ich schlicht am Ende war.
Ich wollte eigentlich nur mein Zelt an den Hang stellen und beim nächstgelegenen Haus fragen, ob das in Ordnung geht. Dann nahm es den üblichen Verlauf: reingebeten, Çay, Essen – und am Ende habe ich zwei Tage bei einer kurdischen Familie gewohnt. Zwei Brüder, ihre Mutter, zwei Kinder. Ich war bei der Heuernte dabei und habe Heu zusammengerecht, wir haben türkisches Fernsehen geschaut, meine Klamotten wurden gewaschen, ich konnte duschen. Am zweiten Morgen habe ich per WhatsApp gefragt, ob ich noch eine Nacht bleiben darf. Durfte ich.


Ins Ungewisse
Am Morgen danach hatte ich ein mulmiges Gefühl, ohne es begründen zu können. Los ging es trotzdem gut: aus Bächen trinken, gute Stimmung, leerer Weg. Dann wurde es Schritt für Schritt einsamer. Erst zerfallene Steinhäuser, dann das erste Schneefeld, das ich noch witzig fand und fotografiert habe.

Danach lagen die Schneefelder mitten auf dem Weg. Wobei Weg zu viel gesagt ist. Der Wind pfiff, und es war deutlich zu spüren, dass hier keine Menschen mehr sind. In der Ferne standen Wildpferde, die ich im ersten Moment für Bären hielt – Bärenspuren habe ich an dem Tag zu hunderten gesehen. Vögel machten unmissverständlich klar, dass sie mich hier nicht wollen. Die prähistorischen Felszeichnungen am Tirnak Hill, von denen mir die Familie erzählt hatte, habe ich mir gespart. Der Umweg war mir bei dieser Abgeschiedenheit zu viel.
Am höchsten Punkt bin ich rechts abgebogen. Dort standen mehrere Herden und drei Schäfer. Einer wollte mich stoppen und hat mir mit einer eindeutigen Geste zu verstehen gegeben, dass der Weg da vorne eine schlechte Idee ist. Nett gemeint und ohne gemeinsame Sprache die einzige Möglichkeit, es mir klarzumachen. Ich bin trotzdem weiter, weil ich nach Hakkâri wollte und es dafür keine vernünftige Alternative gab. Die Berge hier sind teilweise 4.000 Meter hoch, jede Umgehung kostet Tage.
Es ging sofort los. An der nächsten Herde standen keine Schäfer, nur Kangals. Zwei kamen auf mich zugejagt, und da ist mir das Herz kurz in die Hose gerutscht. Ich bin aufs Rad gesprungen und konnte mich auf dem flachen Stück ein bisschen absetzen, aber einer kam so nah, dass ich das Pfefferspray gebraucht habe. Hat funktioniert. Mein Puls war danach eine Weile oben.
Ab da war der Weg kaum noch einer. Streckenweise nur ein Bachbett, dazwischen immer wieder Eisfelder. Ich musste das Rad mit seinen 40 Kilo dauernd tragen, links und rechts um die Felder herumklettern, teilweise ohne zu sehen, ob unter dem Eis ein Hohlraum liegt. Dazu die Frage, was passiert, wenn gleich ein Feld kommt, an dem ich nicht mehr weiterkomme – und ob ich in dem Zustand den ganzen Weg zurück überhaupt noch schaffe. Da oben ist niemand, und Umdrehen hätte bedeutet, alles noch einmal zu machen.
Etwa drei Stunden habe ich auf diesem Plateau fast nur geschoben und getragen, mit dem Kopfkino im Hintergrund. Irgendwo dazwischen hatte ich kurz Empfang, weil ich vergessen hatte, den Flugmodus einzuschalten, und bekam eine Nachricht von einem guten Freund. Die hat mehr geholfen, als er ahnt.

Dann wurde es trockener. Ein Anstieg kam noch, aber die Eisfelder waren durch. Als ich oben das erste Auto sah, bin ich dem Fahrer fast um den Hals gefallen. Ich war noch nie so froh über ein Auto. In dem Moment habe ich beschlossen, Hakkâri zu streichen. Dafür hätte ich noch einmal über etwas Ähnliches gemusst, und für den Tag hatte ich genug Abenteuer.
Im Dunkeln nach Yalınca
Die letzten 30 Kilometer sahen auf dem Papier harmlos aus, weil überwiegend bergab. Dann ist mir der vordere Gepäckträger abgeflogen, weil sich zwei Schrauben gelöst hatten. Die wichtigere von beiden habe ich nach mehrfachem Absuchen des Wegs tatsächlich wiedergefunden.
Im ersten Dorf hatte ich kein gutes Gefühl und bin weitergefahren. Kurz danach standen fünf, sechs Kangals auf der Straße. Ich habe den Fehler gemacht, sie nicht zu konfrontieren, sondern bin auf dem Rad rückwärts den Berg wieder runter. Frustrierend, weil ich den ganzen Anstieg danach noch mal fahren musste. Am Ende haben mir Leute geholfen, die zufällig da waren und die Hunde mit Steinen vertrieben haben.
In Yalınca bin ich im Dunkeln angekommen, komplett leer. Es war das einzige Dorf der ganzen Tour ohne Internet, was mich härter getroffen hat als erwartet – der Kontakt nach Hause war mir wichtig. Entsprechend lange hat es gedauert, bis klar war, dass ich nur einen Schlafplatz suche. Es gab Ekmek und Joghurt, danach bin ich sofort ins Bett. Der härteste Tag der Reise, mit Abstand.
Wasser, Red Bull und die zweite Familie
Am nächsten Morgen war ich früh unterwegs und froh über viel Asphalt. Leicht war es trotzdem nicht, an mehreren Rampen bin ich wieder sechs, sieben Kilometer neben dem Rad hergelaufen. Ehrlich gesagt hatte ich zu dem Zeitpunkt auch keine Lust mehr, ständig angesprochen zu werden, und bin oft einfach durchgefahren.
Eine Ausnahme war ein militärischer Checkpoint, an dem ich eine Weile hängen geblieben bin. Es gab Wasser und Red Bull, und es war interessant, mal die Sicht der Leute zu hören, die hier stationiert sind.
Nach der Abfahrt nach Gürpınar habe ich erst gegessen und dann einen Schlafplatz gesucht. Bei der ersten Familie hieß es, im Garten seien zu viele Insekten. Beim nächsten Haus standen viele Frauen und Kinder vor der Tür, was mir immer ein gutes Gefühl gegeben hat – daraus wurden zwei Tage bei meiner zweiten kurdischen Familie. Ich habe mit dem Teil der Familie telefoniert, der nach Frankfurt ausgewandert ist, war mit im Krankenhaus, weil es dem Vater nicht gut ging, und habe mich zwischendurch um die Kinder gekümmert. Diese zwei Tage waren mir am Ende genauso wichtig wie jeder Pass.
Zurück am See
Am letzten Tag stand nur noch Gürpınar–Van an, mit einem letzten Anstieg. Ziemlich fertig und ziemlich glücklich bin ich in Van angekommen und habe mir ein Hotel gegönnt. Die erste richtige Dusche seit Tagen, ein Bett, und nicht mehr ständig auf sein Zeug aufpassen zu müssen. Abends bin ich durch die Stadt gelaufen, habe deutlich zu viele türkische Süßigkeiten gekauft und war beim Friseur.

Was bleibt: Wasser ist hier die eigentliche Planungsgröße, nicht Kilometer und nicht Höhenmeter. 40 Kilo sind zu viel, sobald man das Rad tragen muss. Höhe heißt in dieser Region nicht Kälte, sondern Sonne – im Juli liegt auf 2.800 Metern Schnee, und gleichzeitig verbrennt einem die Haut. Pfefferspray hätte ich vorher für übertrieben gehalten und würde heute nicht mehr ohne fahren. Und wenn hier jemand sagt, dass eine Idee schlecht ist, hat er meistens recht. Beim ersten Mal habe ich gehört, beim zweiten Mal nicht.
Vor allem aber bleiben die Leute. Ich wurde eingeladen, verpflegt, beherbergt und zwei Mal für Tage aufgenommen, ohne dass wir eine gemeinsame Sprache hatten. Dass ich das ausgerechnet dort erlebt habe, wo meine Eltern vor 36 Jahren unterwegs waren, macht die Sache für mich rund.
Hakkâri steht weiter auf der Liste.