Zehn Tage, rund 550 Kilometer, etwa 11.000 Höhenmeter und ein Rad, das voll bepackt gut 40 Kilo wog: Im Juli 2026 war ich in der äußersten Südost-Türkei unterwegs, rund um den Vansee und in den Bergen südlich davon. Es war die härteste Tour, die ich bisher gefahren bin, und die schönste dazu.

Die Runde
Gestartet bin ich in Van, mit dem Bus nach Tatvan ans westliche Ende des Sees. Von dort hoch zum Nemrut, einem erloschenen Vulkan mit Kratersee, dann südlich über Hizan und Kolludere und über einen langen Pass zurück ans Seeufer nach Gevaş. Weiter nach Çatak, tief in die Berge, von dort Richtung Sırmalı und über Yalınca zurück nach Van.
Auf der Karte sieht das nach einer runden Sache aus. In der Realität ist es eine Aneinanderreihung von Anstiegen, die kein Ende nehmen wollen, unterbrochen von Abfahrten, für die man jeden einzelnen Höhenmeter vorher bezahlt hat.

Hitze, Sonne und die Frage nach dem Wasser
Was mich am meisten beschäftigt hat, war nicht die Steigung, sondern das Wasser. Bis zu 35 Grad, dazu eine UV-Strahlung, die in dieser Höhe brutal ist. Ich bin über weite Strecken komplett verhüllt gefahren, langärmelig, mit Buff und Brille, weil ungeschützte Haut nach kurzer Zeit anfängt zu brennen.
Zwischen den Dörfern liegen Distanzen, auf denen es nichts gibt. Kein Laden, kein Brunnen, an dem ich mir sicher gewesen wäre. Ich habe unterwegs ständig kalkuliert: Wie viel habe ich noch, wie weit ist es bis zur nächsten Möglichkeit, reicht das für den Anstieg, der noch kommt. Diese Rechnerei war der eigentliche Dauerbegleiter der Tour.
Was ich vorher falsch eingeschätzt hatte: dass es oben kühler wird. Wurde es nicht. Selbst auf knapp 3.000 Metern war es durch die Sonneneinstrahlung noch richtig warm. Die Höhe merkt man in den Beinen, nicht am Thermometer.

Oben
Der Pass zwischen Kolludere und Gevaş war landschaftlich das Beste der ganzen Tour. Kaum Verkehr, kaum Besiedlung, und ab einer bestimmten Höhe nur noch Gras, Fels und Himmel. Ich habe oben auf 2.744 Metern übernachtet, mit Blick über den Dunst hinweg bis zum Vansee.
Handynetz gibt es dort nicht. Wetter frage ich per Satellit ab, was auch heißt: Was das Gerät sagt, ist alles, was ich weiß.



Die Menschen unterwegs
Was diese Region ausmacht, sind die Begegnungen. Wer hier mit dem Rad auftaucht, wird angesprochen, eingeladen und gefüttert. Ich habe Frühstück auf einer Wiese bekommen, bin zum Tee an einen Samowar gebeten worden und habe abends bei einer Familie am Boden gesessen und mitgegessen, ohne dass wir eine gemeinsame Sprache hatten.
Das lässt sich schlecht planen und noch schlechter erzwingen. Es passiert, wenn man langsam genug unterwegs ist.




Der Tag, an dem es kippte
Hinter Çatak, auf dem Weg Richtung Sırmalı, wurde aus der Tour etwas anderes. Der Weg zieht sich lang und konstant nach oben, und je höher ich kam, desto schlechter wurde er. Oben auf der Hochebene war es zunächst großartig: blühende Wiesen, Reste alter Steinhütten, kein Mensch weit und breit.

Dann kamen die Schneefelder. Nicht ein bisschen Restschnee am Rand, sondern steile Altschneefelder quer über dem Weg, hart und rutschig. Ich musste das voll bepackte Rad Stück für Stück darüber tragen, 40 Kilo, bei unsicherem Tritt und mit einem Abhang unter mir. Da oben war niemand. Kein Auto, kein Haus, kein Netz.
Dazu kamen die Hunde. Kangals sind riesig, sie bewachen Herden, und allein auf einem Bergweg sind sie kein Spaß. Ich hatte zwei unschöne Begegnungen und musste beide Male Pfefferspray einsetzen, um die Tiere auf Abstand zu bringen. Das war der Moment, in dem mich zum ersten Mal auf einer Tour richtige Panik erwischt hat – nicht Nervosität, Panik.
Was in so einer Situation hilft, ist banal und funktioniert trotzdem: kleine Ziele. Bis zur nächsten Kurve. Bis das Schneefeld hinter mir liegt. Bis der Weg wieder fahrbar ist. Man denkt nicht mehr in Etappen, sondern in Metern.

Was ich mitgenommen habe
Wasser ist die eigentliche Planungsgröße. Nicht Kilometer, nicht Höhenmeter. In dieser Hitze und mit dieser Strahlung entscheidet der Wasservorrat darüber, ob ein Anstieg machbar ist oder nicht. Ich würde beim nächsten Mal mehr Kapazität mitnehmen und konsequenter in jedem Dorf auffüllen.
40 Kilo sind zu viel. Auf Asphalt geht das. Sobald der Weg schlecht wird oder ich das Rad tragen muss, wird jedes überflüssige Teil zur Strafe. Beim nächsten Mal fahre ich deutlich leichter.
Höhe heißt hier nicht Kälte, sondern Sonne. Der Schnee liegt im Juli noch auf fast 2.800 Metern, und gleichzeitig verbrennt einem die Sonne die Haut. Sonnenschutz ist wichtiger als warme Kleidung.
Pfefferspray gehört ins Gepäck. Ich hätte das vorher für übertrieben gehalten. Nach zwei Begegnungen mit Kangals halte ich es in dieser Region für Grundausstattung. Nicht, um Tiere zu verletzen, sondern um sich Abstand und Zeit zu verschaffen.
Allein unterwegs zu sein verändert jede Entscheidung. In der Gruppe wäre ich an mehreren Stellen einfach weitergefahren. Allein habe ich abgewogen, wieder abgewogen und teilweise umgeplant. Das kostet Kraft, ist aber die richtige Reaktion.

Ob ich wiederkomme? Ja. Die Gegend hat mehr zu bieten, als in zehn Tage passt.